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25.06.2006 – Schifferstadter Tageblatt

Club Ebene Eins als Forum für zeitgenössische Musik

Sieben junge Künstler des Ensembles “Marges” präsentierten Neue Musik im Club Ebene Eins

“Eine Kulturgesellschaft muss den Mut haben, sich auch moderne Musik anzuhören,” forderte Horst Atteln vom Club Ebene Eins am Sonntag in seinen Einführungsworten zur Matinee des Ensembles “Marges” (dt. “Randgänge”). Wie der Name der international besetzten Gruppe andeutet, muss sich zeitgenössische Musik in deutschen Konzertsälen oft mit einer Randposition abfinden. Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts haben es schwer, sich Gehör zu verschaffen, obwohl oder gerade weil sie neue Wege am Rande des üblichen Spektrums erschließen und ungewohnte Klangerlebnisse schaffen. “Manches haben Sie so vielleicht noch nie gehhört, aber da müssen Sie durch,” prophezeite Horst Atteln den Zuhörern mit einem Augenzwinkern.

Doch wer an diesem Vormittag aufgeschlossen und mit offenen Ohren dabei war, musste keine Angst vor modernen Klängen haben – im Gegenteil. Die Studenten und Absolventen der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar bewiesen nicht nur großes technisches Können und die Fähigkeit zu differenziertem Spiel. Gleich zu Beginn überzeugten Elisavetha Birjukova (Querflöte) und Claudia Mendel (Klarinette) bei Giacinto Scelsis “Ko-Lho” (1966) mit viel Ausdruck und Einfühlungsvermögen. Die beiden Instrumente umspielen in diesem Stück fortlaufend das zweigestrichene E, bis sich die Stimmen treffen und in harmonischem Einklang enden. Der Titel des Stücks sowie die lyrisch-meditativen Klänge ließen ahnen, dass sich der italienische Dichter und Komponist Scelsi (1905-1988) mit fernöstlichem Gedankengut une exotischen bzw. esoterischen Ansätzen beschäftigt hat.

Es folgte “Esplorazione del bianco II” von Salvatore Sciarrino (geb. 1947 in Palermo) für Gitarre (Samuel Klemke), Geige (Antonia-Sophie Pechstaedt), Flöte (E. Birjukova) und Bassklarinette (C. Mendel). Dieses Werk erforscht wie der Name schon sagt “das Weiße”, Sinnbild für das Klangmaterial und die Ausschöpfung seiner äußersten Möglichkeiten. So sahen sich die Zuhörer konfrontiert mit einer wilden Fülle von ungewohnten Tönen und Geräuschen: Mal klang die Musik wie ein vorsichtiges Trippeln, mal wie ein Rauschen, ein anderes Mal erzeugte die Flöte ein regelrechtes Knurren wie das einer Raubkatze. Nicht von ungefähr kam da der Kommentar einer Zuhörerin: “Man fühlt sich wie im Zoo.”

Das nächste Stück “Hermes” (1984) für Solo-Flöte, ebenefalls von Sciarrino, ist Teil eines einstündigen Zyklus. Hier wechseln schwebend-atmosphärische Klänge immer wieder mit energiegeladenen Einzeltönen. Der Komponist selbst schreibt dazu in seiner Einleitung: “Mit mir lebt die Musik in einer Grenzzone. Wie die Träume, in denen eine Sache existiert und doch nicht existiert.”

Bei Helmut Lachenmanns “Pression” (1969) für Cello solo betrat erstmals die aus Schifferstadt stammende Katharina Mittelstaedt die Bühne. Sie präsentierte eines der ersten Werke, das ganz auf konventionelle Spieltechniken und Klangfarben verzichtete und damit zum Vorbild für andere Komponisten wurde. So strich die Cellistin den Bogen beispielsweise mit beiden Händen oder erzeugte kaum hörbare Töne alleine durch das Streichen der Saiten mit der Hand. Doppeltöne, das Klopfen und Reiben des Cellokörpers, das Streichen der Saiten unterhalb des Stegs und Schläge der Bogenstange auf die Saiten sorgten für weitere interessante Klangfarben.

Beim nächsten Programmpunkt handelte es sich um ein Auftragswerk, das der japanische Komponist Toru Takemitsu (1930-1996) im Jahre 1981 für Greenpeace schuf: ”Toward the Sea”. Altflöte und Gitarre entwickeln hier in drei Sätzen eine Harmonik aus dem zugrunde liegenden Motiv mit den Tönen S-E-A (engl. sea, dt. Meer). Den Abschluss bildete ein Werk von Franco Donatoni (1927-2000) für Klavier (Natasa Srdic), Geige, Cello, Flöte und Klarinette: ”Etwas ruhiger im Ausdruck” (1967). Das Stück, das aus drei Teilen plus Coda besteht, brachte Donatoni zum ersten Mal internationale Aufmerksamkeit ein. Das sehr kurze Motiv der Violine wird hier von den anderen Instrumenten variiert, so z.B. von der Flöte oder einer Spiegelung des Motivs durch das Cello.

Die Zuhörer in der nicht ganz gefüllten Scheune waren sichtlich beeindruckt von den modernen Werken, die das Ensemble “Marges” unter Leitung von Diego Uzal sehr emotional und leidenschaftlich vortrug. “Die Atmosphäre dieser Werke hat mir gefallen,” befand Traudel Blanz. “Man wird offen für neue Klänge auch wenn diese Musik am Anfang unglaublich fremd wirkt”. Agathe Ruge begeisterte sich für “die Lautmalerei und die spannenden Entwicklungen, die einige dieser Stücke nehmen.” -dom

25.06.2006 – Die Rhein Pfalz

Ruhig, rasselnd und grausig schön

Neue Musik mit Ensemble Marges in Schifferstadt

von unserem Mitarbeiter Gerd Kowa

Nach dem mitreißenden Konzert des Ensembles Marges der Weimarer Musikhochschule hatte man den Eindruck, der Schifferstadter Club Ebene Eins könnte sich zu einem kleinen Zentrum für zeitgenössische Musik entwickeln. Die Musiker aus Italien, Argentinien, Chile, Russland, Bulgarien, Frankreich und Deutschland spielten neue und neueste Stücke italienischer und deutscher Komponisten. Selbst skeptische Musikfreunde waren von den Leistungen begeistert.

Im Breich der zeitgenössischen Musik gibt es gelegentlich Stücke, die anmuten wie Panzerspähwagen in der Wüste. Sie wirbeln ein bisschen Sand auf, in dem keine Blumen wachsen. Das war es dann. Beim letzten Stück der Schifferstadter Matinee, dem Einakter “Etwas ruhiger im Ausdruck” für Klavier, Geige, Cello, Flöte und Klarinette des im Jahr 2000 verstorbenen italienischen Neutöners Franco Donatoni, fühlte man sich ein wenig wie in einem Schlaflabor.

Meist ist zeitgenössische Musik aber eher aufregend, anregend und ansprechend wie eine Studie des 1986 verstorbenen Italieners Giacinto Scelsi, die von der Flötistin Elisavetha Birjukova und der Klarinettistin Claudia Mendel superfein und virtuos gespielt wurde. “Ko-Loh” heißt der Dialog. Er ließ erahnen, dass man Gedanken in Töne übersetzen kann, ohne Worte zu gebrauchen. Die Instrumente umgeistern einen Grundton, entfernen sich, möchten sich lösen und klammern sich an traditionelle Motive. Sie können nicht entkommen. Am Ende geben sie nach und einigen sich auf den Grundton. Wie ein Symbol unserer Zeit wirkt dieses Stück. Man möchte Neues, findet es nicht und resigniert: Einstimmig. Mutlos.

Dem 1935 geborenen Helmut Lachenmann gelang der Abschied, indem er Bömbchen warf. Die Heidelberger Cellistin Katharina Mittelstaedt spielte dessen Solostudie “Presson”, die sich von allen traditionellen Spielarten abwendet, mit einer faszinierenden Intensität. Die Pferdehaare kratzten und krächzten auf den Saiten. Man fühlte sich wie in einem Sägewerk. Das Celloholz musste harte Klopfzeichen erdulden. die Fingerkuppen der Cellisten rutschten nahezu unhörbar über die Saiten. Ganz wunderbar.

Bei seinem Soloflöten-Stück “Hermes” scheint sich Salvatore Sciarrino mit esoterisch behauchten Obertönen zu beschäftigen. Quinten und Quarten im Pianopianissimo werden ständig von lauten und schrillen Tonfolgen gestört. Der reine Klang entzieht sich dem Gezeter und entweicht in den Weltraum zu sphärischen Klängen.

An der Seite rasselnder Skelette in der Geisterstunde meinte man einem Aufruhr zu lauschen: in einem Stück Sciarrinos mit dem gitarristen Samuel Klemke, der Geigerin Antonia-Sophie Pechstaedt, der Klarinettistin und der Flötistin. Die hellen Stimmen wimmerten und jammerten. Es klapperte und stöhnte und die tiefe Bassklarinette fuhr wie ein höllisches Schwefelgezwerg ganz unverschämt obszön dazwischen. Eine Szene entstand. grausig schön und wie geschaffen für die Begleitmusik einer Hieronymus-Bosch-Ausstellung.

Sehr angenehm empfand man dagegen “Toward the Sea” für Altflöte und Gitarre des Japaners Toru Takemitsu, der das Stück im Auftrag von “Green Peace” anlässlich einer Demo gegen den Walfang in japanischen Gewässern schrieb. Die Pianistin Natasa Srdic und Diego Uzal, der Leiter des Ensembles Marges, kamen nur einmal zum Einsatz: In “Etwas ruhiger im Ausdruck” von Franco Donatoni. Der Titel löste, wie man ja schon weiß, sein Versprechen ein.